ANDRE WILLI

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Das Rattern des Zuges

hat sich in ein fernes

Rauschen verwandelt.


Die Zeitintervalle zwi-

schen den Bahnhöfen

sind kürzer geworden.


Ich habe alles mitge-

hört, als hätte ich an

einer Tür gelauscht.


Dann schien gar kein

Bahnhof mehr zu kommen.











 
 
 

Einmal Regenbogen und zurück

von Martin Sautter


Es ist mittags. Wie immer hetzen die Menschen durch die Stadt. Wie immer geht einem vieles durch den Kopf: was man noch unbedingt erledigen muss, was man noch unbedingt einzukaufen hat und wen man unter allen Umständen heute noch zurückrufen muss. Zufällig komme ich vor dem Hauptgebäude der Berliner Kunsthochschule vorbei. Erwartungslos schweift mein Blick umher. Ich passiere den Pförtner, durchquere die Haupthalle und entdecke zufällig vier zu einemQuadrat zusammengebaute Stellwände. An einer der Ecken ist eine Öffnung.


Ein abgedunkelter Raum erwartet mich. An den Wänden, in der oberen Hälfte verlaufen Papiersteifen, die an chinesische Kalligrafiezeichen erinnern. „Ein Lied der Menschen“ heisst diese Installation des Schweizer Künstlers Andre Willi. Ein kleiner Schreibtisch steht neben einem quadratischen Objekt. Ich muss näher herangehen, um zu erkennen was es

sein könnte.


Auf einem weissen Sockel steht ein Glasbehälter voller Wasser, eine Art Aquarium, ohne Fische. Im Inneren wird ein einfach gefaltetes Papierschiffchen durch ein Metallschraube unter die Wasseroberfläche gedrückt. Alles ist auf den ersten Blick völlig unspektakulär. Wassertropfen fallen unregelmässig von der Decke. An der Wand ist ein unauffälliger bunter Lichtkegel zu sehen. Er ist so farbig wie eine Regenbogen. Mit jedem Tropfen, der von oben herab auf die Wasseroberfläche trifft, verändert sich die Lichtfläche an der Wand. Eine Lampe befindet sich hinter dem Wasserbehälter und erzeugt den an der Wand auf und niederschwingenden Regenbogen. Eine merkwürdige Ruhe macht sich breit. Fasziniert beobachte ich die Lichtstrahlen, die nach jedem einschlagen eines Tropfens wie zu tanzen beginnen. Langsam lassen ich mich von der Zeitlosigkeit dieses Ortes anstecken und geniesse die archaische Einfachheit. Alles strahlt so eine Klarheit und Direktheit aus, die am Anfang leicht zu übersehen ist, da die meisten Menschen alles grell und eindeutig haben wollen. Aber dieser Ort ist völlig unbeeindruckt von dieser menschlichen Schwäche. Die Stille des Ortes wird nur ganz leise durch das „Lied der Menschen“ auf einem Endlosband eines Kassettenrecorders übertönt.


Diese Inszenierung basiert nur auf dem Zusammenspiel der Naturelemente Licht und Wasser und verzichtet auf alle überflüssigen Effekte. Sie wird spürbar nur durch ihre unauffällige Leichtigkeit und natürliche Harmonie. Ungläubig gehe ich umher, denn eigentlich passt das überhaupt nicht in die Umgebung dieser hektischen Hauptstadt, diesem Tummelplatz von Ich- Bezogenheiten jeder Art und digitaltechnocybermässigen Effektproduktionen. Aber das sind nur Gedanken, die von den augenblicklichen Erlebten fortführen. Im Moment bewege ich mich durch diese wohltuend Zivilisationswüste und versuche mir zum Vergleich die Atmosphäre japanischer Zen-Klöster vorzustellen. Intensiv geniesse ich diesen so unerwartet gekommenen Luxus, versteckt hinter weissen Wänden, mich von der Ruhe dieses Raumes anstecken zu lassen.


Der Blick auf die Uhr ist das Startsignal. Ich stolpere in die normale Zeit zurück, lasse den starr vor sich hinblickenden Pförtner links liegen und werde im Hinausgehen von einer grellen Sonne geblendet.

Ein Lied der Menschen


Meisterschülerarbeit 1995

Eine Installation über Traum und Wirklichkeit

Ansicht Aquarium

Ansicht Kalligrafie-Fries